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17. September 2026 · Aktivitäten

Klarheit ist Respekt – warum ich 2006 einen Integrationsvertrag forderte

Klarheit ist Respekt – warum ich 2006 einen Integrationsvertrag forderte

Der glücklichste Schüler ohne ein Wort Deutsch

Ich war dreizehn Jahre alt, als ich Sri Lanka verliess.

Ich verliess ein Land im Krieg. Und was ich bei der Ankunft in der Schweiz empfand, war nicht zuerst Fremdheit – es war Freiheit. Eine innere Begeisterung, so gross, dass ich sie bis heute kaum beschreiben kann. Hier war ein Land, das Frieden bot, Sicherheit, Möglichkeiten. Ich sah meine Chance. Ich wollte alles aufsaugen, was dieses Land an Wissen für mich bereithielt.

Auf meinen ersten Schultag freute ich mich wie neugeboren.

Dabei wusste ich nicht einmal, dass es die Sprache gibt, die dort gesprochen wurde. Was ich damals über die Welt wusste, war einfach: Es gab Menschen wie uns – und es gab die Weissen, und die Weissen sprachen Englisch. Dass eine Sprache namens Deutsch existiert, erfuhr ich erst hier. Es war 1988.

Man steckte mich in die Fremdsprachenklasse – die Klasse für jene, die noch nicht dazugehörten. Doch selbst dort war ich der Fremdeste. Die anderen kamen aus dem europäischen Raum: Ihre Sprachen waren Cousinen des Deutschen, manche sprachen schon Brocken davon. Ich war der einzige Dunkelhäutige in der Klasse, und meine Sprache, Tamilisch, teilt mit dem Deutschen keine Silbe. Es gab in dieser Klasse eine Rangordnung der Fremdheit – und ich stand am Ende.

Aber ich hatte etwas, das man nicht unterrichten kann: Ich wollte. Mit aller Kraft.

Was mir den Weg öffnete, war nicht Nachsicht. Es war Klarheit: Lerne diese Sprache, dann stehen dir die Türen offen. Für einen Jungen, der so hungrig war wie ich, war das kein Hindernis – es war eine Einladung. Man hatte mir gesagt, was gilt. Den Rest konnte ich selbst tun.

Vielleicht verstehe ich deshalb bis heute beides: wie viel Kraft in Menschen steckt, die neu ankommen. Und wie viel davon verpufft, wenn ihnen niemand sagt, wohin damit.

Achtzehn Jahre später: das Postulat

Am 30. Juni 2006 reichte ich im Grossen Stadtrat von Luzern ein Postulat ein – gemeinsam mit Verena Zellweger-Heggli von der CVP. Eine SP-CVP-Allianz, über die Parteigrenzen hinweg. Der Titel: «Fördern und fordern: Migrationsgesetz und Integrationsvertrag auf kommunaler Ebene».

Die Idee war einfach: Neu zuziehende Ausländerinnen und Ausländer sollten mit der Stadt eine Vereinbarung schliessen. Die Stadt sagt klar, was sie erwartet – allen voran den Besuch von Deutschkursen. Und sie sagt ebenso klar, was sie dafür bietet: Kurse, Zugang, Unterstützung, Teilhabe. Fördern und fordern. Beides zusammen. Beides verbindlich.

Ich wusste, wovon ich sprach. Ich hatte selbst erlebt, was es bedeutet, voller Energie in einem Land anzukommen, dessen Regeln einem niemand erklärt. Integration war für mich nie eine Holschuld der Zugewanderten allein – aber auch nie ein Vorgang, der von selbst geschieht, wenn man nur freundlich zuwartet. Sie braucht klare Erwartungen auf beiden Seiten.

Mein Grundsatz damals wie heute: Je klarer die Regeln der Aufnahmegesellschaft, desto einfacher die Integration der Einwanderer.

Die Ablehnung

Der Vorstoss löste eine intensive Debatte aus – in der Stadt und in den Medien. Doch am 8. März 2007 lehnte der Grosse Stadtrat das Postulat ab. Die Begründung war juristisch: Einer Gemeinde fehle die gesetzliche Grundlage, Ausländerinnen und Ausländer zu Sprachkursen zu verpflichten. Solche Vorgaben seien Sache von Bund und Kantonen im Rahmen des Ausländerrechts.

Formal hatte der Stadtrat recht. Und genau darin lag die unfreiwillige Bestätigung: Nicht die Idee wurde verworfen – nur die Ebene war die falsche. Die Stadt konnte nicht, was der Bund noch nicht wollte.

Was die Geschichte daraus machte

Heute ist eingetreten, was damals undenkbar schien: Die Schweiz hat die Verbindlichkeit, die wir 2006 für Luzern forderten, längst ins Bundesrecht geschrieben. Sprachnachweise sind Voraussetzung für die Niederlassung, Integrationsvereinbarungen sind gesetzlich verankert, «Fördern und Fordern» steht als Prinzip im Ausländer- und Integrationsgesetz. In der ganzen Deutschschweiz ist der Aufenthaltsstatus heute mit Sprachanforderungen verknüpft. Was der Stadt Luzern 2007 als kommunale Kompetenzüberschreitung galt, ist heute schweizerische Selbstverständlichkeit.

Ich erzähle das nicht, um recht behalten zu haben. Ich erzähle es, weil es zeigt, wie lange gute Ideen brauchen – und dass es sich lohnt, sie zu früh zu fordern statt zu spät.

Warum das heute wieder aktuell ist

Zwanzig Jahre später ist die Debatte nicht verschwunden – sie ist lauter geworden. In Deutschland wie in der Schweiz wächst die Frustration: über Schulklassen, in denen Lehrpersonen kaum unterrichten können, weil zu viele Kinder die Sprache nicht verstehen. Über eine Integrationspolitik, die lange auf gutes Zureden setzte statt auf klare Erwartungen.

Ich verstehe diese Frustration. Und ich sage es als jemand, der selbst als Jugendlicher ohne ein Wort Deutsch hierherkam: Die romantische Vorstellung, Integration geschehe von selbst, hat weder den Einheimischen noch den Zugewanderten gedient. Am wenigsten den Kindern.

Was ich 2006 gefordert habe, gilt für mich heute mehr denn je: Je klarer die Regeln der Aufnahmegesellschaft, desto einfacher die Integration der Einwanderer. Klarheit ist keine Härte. Klarheit ist Respekt – in beide Richtungen.

Der Faden zieht sich weiter

Aus dem Dreizehnjährigen, der nicht wusste, dass es Deutsch gibt, wurde ein Pflegefachmann, ein Unternehmer, ein Ausbilder. Heute bilde ich bei MediCare Menschen zu Pflegehelferinnen und Pflegehelfern aus – viele von ihnen mit Migrationsgeschichte, manche mit Deutsch als Zweitsprache. Ich sage ihnen, was ich damals selbst erfahren habe: Die Sprache ist der Schlüssel. Wer sie lernt, dem stehen die Türen offen.

Es ist, wenn ich ehrlich bin, dieselbe Arbeit wie 2006. Nur das Werkzeug hat gewechselt: damals das Postulat, heute das Klassenzimmer.

Und wenn mich jemand fragt, warum mir dieses Thema nach all den Jahren noch so nahe ist, dann ist die Antwort einfach: Dankbarkeit. Dieses Land hat mir die drei Dinge gegeben, die ich als Dreizehnjähriger am dringendsten brauchte – Bildung, Freiheit und Sicherheit. Alles, was ich seither aufgebaut habe, steht auf diesem Fundament. Klarheit einzufordern war nie ein Vorwurf an die Schweiz. Es war meine Art, etwas zurückzugeben: dafür zu sorgen, dass die, die nach mir kommen, ihre Chance genauso packen können wie ich.