25. Oktober 2026 · Aktivitäten
Toleranz, die Mädchen allein lässt, ist keine Toleranz

Eine Debatte, die ich kenne
In Österreich gilt seit September 2026 ein landesweites Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren. In der Schweiz hat der Aargauer Grosse Rat im August seine Regierung beauftragt, ein Verbot für Volksschülerinnen bis 16 auszuarbeiten. Eine Woche später zog der Zürcher Kantonsrat nach, knapp mit 87 zu 82 Stimmen. In Bern liegt ein ähnlicher Vorstoss auf dem Tisch, in St. Gallen geht es um Lehrerinnen.
Die Fronten sind schnell gezogen: Bürgerliche dafür, Linke dagegen. Wer die Debatten verfolgt, hört auf beiden Seiten viel Empörung und wenig Erfahrung aus dem Alltag.
Mich erinnert das alles an eine Diskussion, die ich vor zwanzig Jahren selbst geführt habe.
2006: Fördern und fordern
Im Juni 2006 reichte ich im Grossen Stadtrat Luzern gemeinsam mit Verena Zellweger-Heggli (CVP) ein Postulat ein: verbindliche Sprachkurse und ein Integrationsvertrag für Zuziehende. Der Titel lautete «Fördern und fordern». Im März 2007 wurde es abgelehnt.
Widerstand kam damals nicht nur von der Gegenseite. Auch in den eigenen Reihen musste ich mich durchsetzen. Verpflichtung galt vielen als Misstrauen, als Zumutung gegenüber den Eingewanderten.
Heute sind Integrationsvereinbarungen und Sprachanforderungen selbstverständlich. Kaum jemand stellt sie noch grundsätzlich in Frage. Was damals als hart galt, gilt heute als fair. Die Geschichte dazu habe ich im Beitrag «Klarheit ist Respekt» erzählt.
Was ich beim Schwimmunterricht gelernt habe
Ich kam 1988 mit 13 Jahren aus Sri Lanka in die Schweiz. Ich habe miterlebt, wie viele tamilische Familien anfangs Mühe hatten, ihre Kinder in den Schwimmunterricht zu schicken. Für sie war das fremd, manchmal unangenehm.
Dann sagte die Schule klar: Die Teilnahme ist Pflicht, ohne Wenn und Aber. Es gab keine endlosen Ausnahmegesuche und keine Sonderlösungen. Und plötzlich war allen klar, woran sie waren.
Die Familien haben das akzeptiert. Nicht weil sie ihre Werte aufgegeben hätten, sondern weil die Regel verständlich war: Zu Hause lebt jede Familie ihre Werte. Im Klassenzimmer gelten die Werte einer säkularen Gesellschaft.
Klarheit ist eine Form von Respekt
Warum fällt es uns in der Schweiz so schwer, unsere Werte klar auszusprechen? Wir prüfen jede Eventualität, wägen jede Empfindlichkeit ab und verlieren dabei die Botschaft.
Dabei könnte sie einfach sein: Wir heissen Menschen aus anderen Kulturen willkommen. Und in unserer Schule gelten diese Regeln.
Als Eingewanderter weiss ich: Je klarer eine Aufnahmegesellschaft ihre Werte benennt, desto einfacher wird die Integration. Unklarheit ist keine Rücksicht. Sie lässt Familien im Ungewissen und überlässt das Feld jenen, die am lautesten fordern.
Toleranz, die keine Grenzen kennt, wird beliebig. Und manchmal wird sie sogar diskriminierend, nämlich dann, wenn sie die Schwächsten allein lässt.
Wer spricht für die Mädchen?
Was mich an der Debatte am meisten irritiert: Dieselben Stimmen, die zu Recht für Emanzipation und Gleichstellung kämpfen, überlassen die Frage nach dem Kopftuch eines Kindes ganz den Eltern.
Wie viele minderjährige Mädchen können sich gegen eine patriarchalische Erziehung durchsetzen? Wir wissen, dass sich selbst junge erwachsene Frauen oft nicht gegen eine Zwangsheirat wehren können. Wie soll das einem zehnjährigen Mädchen gelingen?
Ich behaupte nicht, dass jedes Kopftuch erzwungen ist. Aber ein Kind kann diese Entscheidung nicht frei treffen. Die Schule ist der Ort, an dem Mädchen erleben sollen, dass sie gleich viel wert sind wie die Buben neben ihnen. Ohne Zeichen, die sie von klein auf anders markieren.
Die Einwände ernst nehmen
Die Gegenargumente sind nicht leichtfertig. Das Bundesgericht hat 2015 ein Kopftuchverbot in einer St. Galler Gemeinde aufgehoben, weil es die Glaubens- und Gewissensfreiheit der Schülerin verletzte. Die religiöse Neutralität, so das Gericht, gilt für Schule und Lehrpersonen, nicht für Schülerinnen und Schüler.
Die Aargauer Regierung warnt zudem vor einem Konflikt mit dem Diskriminierungsverbot, weil ein Verbot nur Mädchen trifft. Und Kritiker wie der Islamwissenschaftler Abduselam Halilovic befürchten, dass ein Verbot den Zwang nicht löst, sondern das Mädchen noch stärker zwischen Familie und Schule einklemmt.
Diese Einwände muss man beantworten, nicht wegwischen. Meine Antwort: Gesellschaften dürfen ihre Rechtsprechung weiterentwickeln, wie sie es bei Sprache und Integration getan haben. Und ein Mädchen, das zwischen zwei Welten steht, braucht eine Schule, die ihm einen klaren Raum gibt, nicht eine, die sich heraushält.
Schluss mit falsch verstandener Toleranz
Die Schweiz hat mir als Kind aus einem Kriegsland Bildung, Freiheit und Sicherheit geschenkt. Sie hat mir auch klare Regeln gegeben. Beides gehörte zusammen, und genau das hat mir den Weg geebnet.
Diese Klarheit wünsche ich mir heute für jedes Mädchen in unseren Schulklassen. Willkommen sein und klare Regeln: Das ist kein Widerspruch. Es ist das Versprechen einer offenen Gesellschaft.
Quellen
- Aargauer Parlament: Kein Kopftuch für unter 16-Jährige (SRF, 25.08.2026)
- Zürcher Kantonsrat will Kopftücher in Schulen verbieten (SRF, 31.08.2026)
- Kommt ein Kopftuchverbot an Berns Schulen? (plattformj, 03.09.2026)
- St. Galler Kantonsrat beschliesst Kopftuchverbot für Lehrerinnen (Südostschweiz, 10.06.2026)
- Das letzte St. Galler Kopftuchverbot kassierte das Bundesgericht (Südostschweiz, 04.06.2026)
- Aargauer Regierung lehnt generelles Kopftuchverbot ab (SRF, 27.02.2026)
- Interview Abduselam Halilovic (SRF, 09.09.2026)
- Österreich: Kopftuchverbot unter 14 (Kettner Edelmetalle, 01.09.2026)