21. August 2026 · Meditation
Wenn das Leben laut wird – was mich seit 13 Jahren durch jeden Sturm trägt

Wie es begann
Es war 2013, ein Zufall. Ich stiess auf einen TED-Talk einer bekannten Regisseurin, die von ihrer Erfahrung mit Vipassana-Meditation erzählte.
Ich weiss nicht, warum mich ihre Worte so berührt haben. Vielleicht war es der Moment. Vielleicht war ich innerlich schon bereit. Ich begann zu recherchieren, las, sah Videos. Besonders eine Dokumentation liess mich nicht mehr los – ein Bericht aus einem Gefängnis in Indien, in dem Insassen an einem zehntägigen Vipassana-Retreat teilnahmen. Was diese Männer erzählten, wie sich ihr Leben veränderte, wie Härte in Weichheit überging – das ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Ich spürte einen inneren Ruf. Ehrlich gesagt hatte ich Angst. Zehn Tage Schweigen. Keine Bücher, kein Telefon, kein Gespräch. Aber die Neugier war grösser. Ich meldete mich als Neuschüler in einem temporären Zentrum in Österreich an.
Der erste Retreat – 2013
Der erste Retreat war wunderschön und gleichzeitig sehr anstrengend. Der Körper protestierte, der Geist rebellierte. Es gab Momente, in denen ich am liebsten aufgegeben hätte. Vielleicht habe ich die Technik nicht in allen Details richtig gemacht – aber als ich nach zehn Tagen nach Hause fuhr, fühlte sich mein Kopf mindestens zehn Kilo leichter an. Ich weiss noch, wie ich im Zug sass und aus dem Fenster schaute. Es war, als ob ich zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich sehen konnte.
Was mich am tiefsten beeindruckte, war die Klarheit der Methode. Nichts war zufällig. Der Aufbau war so präzise durchdacht, so klar strukturiert, dass ich spürte: Hier steht ein Erfahrungsschatz von 2500 Jahren dahinter, geschliffen und weitergegeben von Generation zu Generation.
Heute, wenn ich zurückblicke, verstehe ich, was in jenen zehn Tagen wirklich geschah. Vipassana wurde für mich wie eine Regenjacke, die mich vor einem grossen Sturm schützen sollte, der noch kommen würde.
Sturm – 2014 bis 2018
Was folgte, waren sehr schwierige Jahre. Beruflich und privat kam vieles gleichzeitig – Herausforderungen, die mich zeitweise unter Wasser zogen.
Ich will ehrlich sein: Ich konnte Dhamma in dieser Sturmzeit nicht optimal einsetzen. Ein Retreat gibt einem etwas Wichtiges mit auf den Weg, aber wenn die Wellen hoch schlagen, ist es schwer, ruhig zu sitzen. Trotzdem – Dhamma war da. Es gab mir immer wieder die Möglichkeit, kurz aufzutauchen. Luft zu holen. Und dann weiterzumachen.
Es gab Lichtblicke. Momente einer stillen Gelassenheit, in denen ich die Dinge annehmen konnte, wie sie waren. Ich blieb nicht gelähmt. Ich handelte weiter. Vielleicht ist das die eigentliche Gabe dieses Weges: nicht die Kraft, den Sturm zu verhindern, sondern die Fähigkeit, ihm nicht zu erliegen.
Der zweite Retreat – 2019
2019, kurz vor der Corona-Pandemie, ging ich erneut nach Österreich. Zehn Tage. Ich brauchte einen Weg, um aus dem enormen Druck herauszufinden, den ich beruflich spürte – ohne zu ahnen, was 2020 noch auf mich zukommen würde.
Vipassana lehrte mich damals das Loslassen. Nicht als Resignation, sondern als bewusstes Annehmen dessen, was ist. Rückblickend war dieser Retreat eine Vorbereitung. Etwas in mir wusste, dass ich mich stärken musste.
Die Spitze des Eisbergs – 2020
2020 kam der Moment, in dem alles zusammenkam. Was sich über Jahre aufgebaut hatte, brach an einem Punkt auf. Ich stand da – völlig blossgestellt. Meine Maske wurde gerissen, mein Ego lag in Stücken vor mir.
Und gerade in diesen härtesten Wochen meditierte ich täglich mehrere Stunden. Nicht weil ich stark war. Sondern weil es das Einzige war, was mich noch trug.
Dhamma war bei mir. In einer Tiefe, die ich bis dahin nicht kannte. Ich spürte inneren Frieden – nicht weil die äussere Situation gut war, sondern weil ich die Dinge zum ersten Mal wirklich ansehen konnte, wie sie sind. Mit voller Dankbarkeit. Und mit einem Gleichmut, den ich mir nicht selbst gegeben hatte.
Ich glaube heute: Was 2020 in mir aufbrach, hätte mich ohne Dhamma verloren zurückgelassen. Mit Dhamma wurde es zu einem Neuanfang.
Der dritte Retreat – 2022
2022 zog es mich nach Mont-Soleil in die Schweiz. Wieder zehn Tage. Ich verarbeitete Vergangenes, wurde standhafter. Anicca – die Unbeständigkeit aller Dinge – begann sich langsam in meinem Leben zu verankern. Nicht als Theorie, sondern als Körpergefühl.
Zwischen 2022 und 2026 orientierte ich mich beruflich neu. Ich stellte meine Firmen wieder auf gesunde Beine, ging neue geschäftliche Partnerschaften ein. Auch privat kehrte viel Ruhe ein.
Der vierte Retreat – Kerala 2026

Meditationshalle Dhamma Paduma
Diesen Text schreibe ich wenige Tage nach meinem vierten zehntägigen Retreat. Er fand in Kerala, Indien statt. An einem abgelegenen Ort mitten im Wald.
Ich sass in einer einfachen Meditationshalle, umgeben von tropischen Bäumen. Nachts hörte man Insekten, Vögel, das leise Rauschen des Waldes. Die Luft war weich, feucht, warm. Und die Vibration dieses Zentrums war unglaublich.
Der Lehrer, der uns liebevoll begleitete, gab mir das Vertrauen, so tief in meine Meditation einzutauchen, dass diese Erfahrung sich für mich lebensverändernd anfühlte.
Ich sitze jetzt an einem ruhigen Ort mit einem Chai in der Hand und schreibe diese Zeilen.
Warum ich das mit Ihnen teile

Esstisch nach der Stille
Während der Meditation kam immer wieder der Impuls, davon zu erzählen. Nicht um Werbung zu machen. Nicht um mich in Szene zu setzen. Sondern weil ich glaube, dass viele Menschen von diesem Weg profitieren könnten – und ihn einfach nicht kennen.
Es gibt drei Menschen aus meinem Freundeskreis, denen ich vor Jahren von Vipassana erzählt habe. Alle drei sind selbst hingegangen. Alle drei sagen heute: Es war eine der wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens.
Was Vipassana lehrt
Der Kern von Vipassana ist ein einfacher Gedanke, der schwer zu leben ist: Alles verändert sich. Nichts bleibt. Freude vergeht. Schmerz vergeht. Beziehungen wandeln sich. Der Körper wird älter. Selbst unser eigenes Ich ist nicht das, was es vor zehn Jahren war.
In der alten Pali-Sprache heisst dieser Grundgedanke Anicca – Unbeständigkeit. Meditierende sprechen ihn manchmal zweimal aus, wie eine leise Erinnerung: Anicca, anicca.
Wenn wir das begreifen – nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Dasein – verändert sich unser Verhältnis zum inneren Widerstand, und in uns öffnet sich ein Raum, in dem er seine Macht verliert. Wir sehen die Dinge, wie sie sind. Nicht wie wir sie haben oder sehen wollen.
Vipassana lehrt uns auch, zwei Kräfte in uns zu erkennen, die Leiden erzeugen. Die eine ist Craving – das Anhaften an dem, was uns angenehm ist. Wir wollen es festhalten, verlängern, wiederhaben. Die andere ist Aversion – der Widerstand gegen das, was uns unangenehm ist. Wir wollen es wegschieben, verhindern, ausblenden.
Beide Kräfte sind natürlich. Aber beide erzeugen Leiden, weil sie gegen die grundlegende Wahrheit des Lebens arbeiten: dass alles im Fluss ist. Was angenehm ist, wird vergehen. Was unangenehm ist, wird auch vergehen. Wenn wir das mit Gleichmut annehmen, hören wir auf, gegen das Leben zu kämpfen.
Unsere sechs Sinne sind die Tore, durch die das Leben in unser Bewusstsein eintritt. Wenn wir mit Gleichmut und Achtsamkeit auf sie schauen – ohne anzuhaften und ohne abzulehnen – wird das Leben auf eine stille Weise wunderschön.
Was Sie wissen sollten
Vipassana-Retreats sind seriös und ohne religiösen Hintergrund. Sie sind für alle Menschen zugänglich. Und – das ist wichtig – sie kosten nichts. Unterkunft und Verpflegung werden zur Verfügung gestellt. Sie müssen sich um nichts kümmern, ausser sich zehn Tage Zeit zu nehmen.
Eine Einladung
Falls Sie manchmal das Gefühl haben, dass das Leben zu laut geworden ist. Falls Sie sich fragen, ob eine Auszeit gut täte. Falls etwas in Ihnen ruft, ohne dass Sie es genau benennen können – hier ist ein Weg, den Sie vielleicht noch nicht kannten.
Er ist zugänglich. Er kostet nichts. Er ist schwierig. Und er trägt.
Mehr Informationen zu Retreats in der Schweiz, Österreich und weltweit finden Sie auf: www.dhamma.org