20. Oktober 2026 · Aktivitäten
«Ungeeignet» – wie ich 2005 Gratis-Leihvelos für Luzern forderte

Ein Ärgernis, eine Idee
Diese Geschichte ist kleiner als andere, die ich hier erzähle. Kein grosses Lebensthema, keine Grundsatzfrage. Eher eine Anekdote darüber, wie Politik funktioniert – und wie lange eine Idee manchmal unterwegs ist, bis sie ankommt.
Luzern, 2005. In der Stadt wurden auffällig viele Velos gestohlen. Wer sein Velo am Bahnhof abstellte, wusste nie, ob es am Abend noch da war. Das war das Ärgernis.
Die Idee dazu kam mir aus Europa: In Städten wie Kopenhagen oder Lyon gab es damals erste Systeme mit öffentlichen Leihvelos – günstig oder gratis, überall verfügbar. Mein Gedanke war einfach: Wenn jederzeit ein Velo bereitsteht, muss niemand eines stehlen. Und nebenbei fahren mehr Menschen Velo statt Auto.
Am 30. Juni 2005 reichte ich deshalb namens der SP-Fraktion im Grossen Stadtrat die Interpellation 74 ein: «Velostadt Luzern besser vor Velodiebstählen schützen!» Darin fragte ich unter anderem, ob die Stadt bereit wäre, Gratis- oder günstige Leihvelos nach europäischem Vorbild zu prüfen.
Die Antwort: «ungeeignet»
Die Antwort des Stadtrats kam im Dezember 2005 und wurde im Januar 2006 im Parlament behandelt. Sie war unmissverständlich: Ein Vermieten oder kostenloses Abgeben von Velos halte der Stadtrat für ungeeignet, um Diebstähle wirksam zu reduzieren. Zusätzliche Angebote brauche es nicht. Der Schutz vor Diebstahl sei primär Sache der Velobesitzenden. Man verwies auf die bewachte Velostation am Bahnhof und auf das Mietangebot der SBB.
Fairerweise muss man sagen: Aus damaliger Sicht war das nicht unvernünftig. Es gab keine Smartphones, kein GPS-Tracking, keine Apps zum Entsperren. Ein stadtweites Leihvelosystem wäre 2005 ein teures Abenteuer gewesen. Die Idee war da – die Technik noch nicht.
Zwanzig Jahre später
Heute stehen in Luzern an Dutzenden Standorten öffentliche Leihvelos bereit. Das System heisst nextbike, und die Stadt Luzern finanziert es im Rahmen ihrer Mobilitätsstrategie mit. Für die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt und vieler Agglomerationsgemeinden sind die ersten 30 Minuten jeder Fahrt gratis – beliebig oft am Tag.
Gratis-Leihvelos, von der Stadt getragen. Genau das, was 2005 «ungeeignet» war.
Ich erzähle das nicht, um zu behaupten, die Velos stünden heute wegen meiner Interpellation dort. So funktioniert Politik nicht – zwischen meiner Anfrage und dem heutigen System liegen zwanzig Jahre, viele Akteure, eine neue Technologie und eine Mobilitätsstrategie, an der ich keinen Anteil hatte. Die ehrliche Version ist bescheidener: Ich war früh. Zu früh.
Was ich daraus gelernt habe
In der Politik gibt es ein Muster, das ich seither oft beobachtet habe: Jemand bringt eine Idee ein, die ihrer Zeit voraus ist. Die Verwaltung winkt ab – zu teuer, nicht machbar, ungeeignet. Die Idee verschwindet in einem Archiv. Und Jahre später, wenn die Technik bereit ist und der gesellschaftliche Druck gross genug, wird sie umgesetzt – als Selbstverständlichkeit, an die sich niemand mehr als Forderung erinnert.
Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen. Der bittere: Vorstösse lohnen sich nicht, es dauert ja doch zwanzig Jahre. Der bessere: Genau deshalb lohnen sie sich. Ideen brauchen einen ersten Moment, in dem sie öffentlich ausgesprochen werden – auch wenn die Antwort «ungeeignet» lautet. Irgendwo muss der Anfang liegen.
Wenn ich heute durch Luzern gehe und ein blaues Leihvelo an einer Station sehe, muss ich manchmal schmunzeln. Nicht aus Rechthaberei. Eher aus Zuneigung zu einer Stadt, die ihre guten Ideen am Ende doch umsetzt – in ihrem eigenen Tempo.
Dies ist der zweite Teil einer kleinen Serie über meine politischen Vorstösse von damals. Teil 1: Klarheit ist Respekt – warum ich 2006 einen Integrationsvertrag forderte. Im November folgt Teil 3.